Hintergrundinfos über den Club 88, Nazistrukturen und antifaschistische Aktionen in Neumünster

Chronologie von Naziaktionen in Neumünster

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„Club 88″-Neumünster und Antifa-Aktionen

(dieser Text stammt aus dem Jahr 2008 und ist deshalb in einigen Punkten unaktuell, gibt jedoch die Entwicklung in Neumünster bis dahin anschaulich wieder)

Voraussichtlich am 27. September 2008 will der im Neumünsteraner Stadtteil Gadeland existierende, bundesweit bekannte Neonazitreffpunkt „Club 88″ seinen mittlerweile 12. Geburtstag feiern. Seit seiner Gründung im Jahr 1996 hat sich der „Club 88″ als fester Bestandteil der norddeutschen und bundesweiten Neonazi-Szene etabliert und besteht seitdem als einer der wenigen öffentlichen und kontinuierlichen Treffpunkte von Nazis in Deutschland. Die Geburtstagsfeiern des „Club 88″ sind feste Termine im Veranstaltungskalender der Nazis, zu denen regelmäßig mehrere hundert BesucherInnen kommen. Im letzten Jahr konnten die Nazis allerdings nicht ungestört feiern, da sich hunderte AntifaschistInnen in der Stadt aufhielten und die Polizei erstmals Auflagen für die Feier erließ. Für dieses Jahr sind wieder antifaschistische Aktionen gegen den Club-Geburtstag geplant.

Geschichte des „Club 88″

Der „Club 88″ wurde im Oktober 1996 von der Neumünsteraner Naziszene gegründet und hat seinen Sitz im Stadtteil Gadeland. Als Betreiberin tritt die langjährige Nazi-Aktivistin Christiane Dolscheid zusammen mit ihrem (Ex-)Lebensgefährten Frank Rieckmann auf, Sprecher des „Club 88″ war in den Anfangsjahren der militante Neonazi Tim Bartling. Der „Club 88″ entwickelte sich schnell zum Anlaufpunkt für junge Nazis aus Neumünster und Schleswig-Holstein sowie als Infrastruktur für Treffen, Konzerte und Veranstaltungen der organisierten Nazi-Szene aus dem Spektrum der Freien Kameradschaften und der NPD.


Christiane Dolscheid

In den Jahren nach der Gründung nahmen Übergriffe und Anschläge von Neonazis in Neumünster rapide zu. Im Juni 1997 explodierte auf der Toilette der Aktion Jugendzentrum (AJZ) ein Sprengsatz. Bei dem Vorfall wurde niemand verletzt, ob Nazis die Täter waren, wurde nie geklärt. Im Oktober überfielen 8 Neonazis zwei Kurden und demolierten ihre Autos, wofür u.a. der „Club 88″-Sprecher Tim Bartling zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Im August 1999 veranstaltete der „Club 88″ ein Fußballturnier auf dem Neumünsteraner „Gut Heil“ Sportplatz mit ca. 100 Neonazis aus Norddeutschland und im Oktober feiern ca. 250 Nazis im „Club 88″ dreijähriges Jubiläum. Die Polizei und Verantwortliche der Stadt sprechen anschließend verharmlosend und wider besseren Wissens von 40-50 Nazis.

Aufgrund einer vom Neumünsteraner Bündnis gegen Rechts gestarteten Kampagne demonstrieren am 2. September 2000 ca. 350 Nazis aus ganz Deutschland für den „Club 88″. Am 16. September marschieren erneut mehrere hundert Nazis aus ganz Deutschland in Neumünster auf, im Vorfeld der Demonstration gab es mehrere Anschläge auf AntifaschistInnen. Im gleichen Jahr sagt der damalige NPD-Landesvorsitzende Peter Borchert auf einer Nazi-Demonstration in Lübeck, „dass es gelungen sei, in Neumünster mit dem Club 88 eine „National befreite Zone“ zu schaffen“. Etwa 2001 zog sich Tim Bartling als Sprecher des „Club 88″ zurück und Peter Borchert übernahm diese Funktion.

In den Jahren bis 2004 folgten viele weitere kleinere und größere Veranstaltungen im „Club 88″ . Exemplarisch dafür seien hier der fünfte Club-Geburtstag mit ca. 500 Nazis im September 2001, der sechste Geburtstag im September 2002, bei dem ein Nazikonzert mit ca. 700 BesucherInnen in den Räumlichkeiten des im gleichen Jahr von Tim Bartling, Peter Borchert und anderen Nazis gegründeten Athletik Klub Ultra stattfand und der achte Geburtstag Anfang Oktober 2004 mit ca. 250 Neonazis aus Deutschland und Dänemark, genannt. Daneben gab es in diesem Zeitraum noch mehrere Nazidemonstrationen und zahlreiche Übergriffe auf Linke und MigrantInnen in Neumünster. 2003 wird der erste Soli-Sampler für den Club unter dem Namen „88 – the very last resort“ rausgegeben. Mit diesem Motto gibt es auch T-Shirts zu kaufen, die in der norddeutschen Nazi-Szene sehr beliebt sind.

Seit etwa 2004 nahm die Bedeutung des „Club 88″ als täglicher Treffpunkt für die Nazis etwas ab, was wohl nicht zuletzt auch an den antifaschistischen Aktivitäten lag, die regelmäßig gegen den Club vorgingen und ihn in die Öffentlichkeit zerrten. Des weiteren hat sich seit 2005 ein neuer Treffpunkt für eher unorganisierte Nazis in Neumünster hervorgetan, die Kneipe „Titanic“ in der Friedrichstraße in unmittelbarer Nähe zur AJZ. Von hier gingen immer wieder Provokationen und Übergriffe gegen BesucherInnen der AJZ aus, was die Attraktivität der „Titanic“ für junge Nazis gegenüber dem „Club 88″ steigerte. Nichts desto trotz sind gerade die Geburtstagsfeiern des „Club 88″ immer noch sehr beliebt in der (internationalen) Nazi-Szene. Am 30. September 2006 hielten sich deswegen abermals ca. 250 Neonazis in Neumünster auf und feierten das zehnjährige Jubiläum des „Club 88″.

Antifaschistische Gegenaktivitäten seit 1999

Neben der Antifaschistischen Aktion Neumünster gründete sich im Jahr 1999 das „Bündnis gegen Rechts“, um auf die gesteigerten Naziaktivitäten und den „Club 88″ zu reagieren. Das Bündnis verteilt 1999 mehrere Flugblatter zum „Club 88″ und von dort ausgehenden rechtsextremen Aktivitäten. Von da an gab es immer wieder Aktionen und Flugblätter gegen den „Club 88“, so z.B. am 24. Juni 2000, als erstmalig über 800 Menschen für die sofortige Schließung des „Club 88″ demonstrierten. Auch gegen die Naziaufmärsche im Jahr 2000 regte sich massiver Widerstand, am 2. September wurde die Route in die Innenstadt blockiert und am 16. September konnten die Nazis nur aufgrund eines brutalen Polizeieinsatzes und 101 Fest- und Gewahrsamnahmen von AntifaschistInnen marschieren. Im gleichen Jahr kam es zum einzigen Versuch der Stadt Neumünster, etwas gegen den „Club 88″ zu unternehmen. Ein von der Stadt eingeleitetes Verfahren für die Schließung des „Club 88″ scheiterte vor Gericht, da die Stadt lediglich unpolitisch mit dem Gaststättenrecht argumentiert hatte und dem Club die Konzession entziehen wollte.
Im Sommer 2001 startete das Bündnis gegen Rechts einen Aktionssommer. Dieser verfolgte das Ziel, nach dem misslungenen Versuch der juristischen Schließung, den Betrieb des „Club 88“ durch verschiedene Aktionen in seiner unmittelbaren Nähe zu behindern und somit zu erreichen, das zumindest MitläuferInnen die Lust am Besuch des Nazitreffs vergehen sollte. Es fanden jedoch insgesamt nur sieben Veranstaltungen statt, die größte war ein Konzert auf dem Gelände der GuH-Schule Gadeland gegenüber des „Club 88″, mit über 700 BesucherInnen. Die Nazis reagierten auf den Aktionssommer mit einer öffentlichen Kampagne, in der sie ein Flugblatt verteilten und mit mehreren Mahnwachen, die sie vor den Gebäuden von zwei VeranstalterInnen des Aktionssommers (den Jusos und der AJZ) durchführen, unter dem zynischen Motto „Club 88-Opfer des Faschismus“.

Ab 2003 fanden dann regelmäßig parallel zu den Geburtstagsfeiern im „Club 88″ antifaschistische Konzerte in der AJZ statt. Zu diesen Anlässen behauptete die Stadt Neumünster, die Gegenaktivitäten der AntifaschistInnen seien das eigentliche Problem aufgrund der zu erwartenden Auseinandersetzungen, und versuchte die Konzerte immer wieder zu verhindern, was jedoch nicht gelang. Zum zehnjährigen“Club 88″-Geburtstag waren große antifaschistische Bündnisaktionen geplant, welche allerdings aufgrund „politischer Differenzen“ (Aufruf 2007) im Bündnis so nicht stattfanden. Stattdessen organisierte die autonome Gruppe „FreibadheldInnen“ für den Tag eine Demonstration (http://de.indymedia.org/2006/10/158338.shtml), an der sich ca. 300 Menschen beteiligten.

Diese Chronik ist natürlich unvollständig und bezieht sich zum größten Teil nur auf Aktionen, die im direkten Zusammenhang mit dem „Club 88″ stehen. Es hat in diesem Zeitraum in Neumünster noch andere Naziaktivitäten und natürlich auch entsprechende Gegenaktionen gegeben. Die vollständige Übersicht ist in der von der „Antifaschistischen Aktion Neumünster“ herausgegebenen Broschüre „Entwicklung, Organisationsformen und Zustand der militanten Naziszene in Neumünster“ zu finden, welche auch auf der Mobilisierungsseite (http://www.club88-schliessen.tk) online einsehbar ist.

Club-Geburtstag und „Antirepressionsdemo“ 2007

Als Reaktion auf die bis dato eher mäßigen Erfolge und um einen politischen, von der Stadt und dem damals zerfallenen Bündnis gegen Rechts unabhängigen Neuanfang zu starten, fanden sich im Jahr 2007 autonome Antifa-Gruppen zusammen und organisierten für den 29. September eine antifaschistische Demonstration (http://de.indymedia.org/2007/10/195814.shtml) unter dem Motto „11880. 11 Jahre Club 88 – 0 Toleranz für Nazistrukturen. Keine Verbindung zur Nation“. Zu dieser Demo kamen 600 AntifaschistInnen. Danach gab es ein vom Demobündnis veranstaltetes Festival auf dem Großflecken, wo u.a. die bekannte Band Rantanplan auftraten. Gleichzeitig konnten im „Club 88″ nur ca. 150 Nazis feiern, da die Polizei Auflagen für die Veranstaltung erlassen hatte. Später am Abend kam es deswegen zu Auseinandersetzungen zwischen Nazis, die sich außerhalb der Absperrungen befanden, und der Polizei, die daraufhin die Party auflöste. Für den 24. November riefen die Nazis deswegen zu einer „Antirepressionsdemo“ (http://de.indymedia.org/2007/11/200522.shtml) für den“Club 88″ auf, an der sich 350 Neonazis beteiligten und die von antifaschistischer Seite kaum behindert werden konnte.